Grenzen erfahren: Liechtensteiner Scheidgraben-Tour

30. August 2018

Bei der Halbtages-Wanderung der Erwachsenenbildung Stein Egerta Ende August haben die Teilnehmenden umfassende Kenntnisse zum Scheidgraben als Fliessgewässer sowie über die Pflanzen- und Tierwelt rund um den Scheidgraben erhalten. Der Scheidgraben entspringt im Naturschutzgebiet Schwabbrünnen-Äscher. Er führt durch das Eschner, Maurer und Nendler Riet. Neben Drainagewasser wird er auch von Hangwasser und zeitweise von Rüfen dotiert.

 

Die Exkursion leiteten Josef Biedermann und Rainer Kühnis. Sie wurden unterstützt von Andrea Kühnis und Silvio Hoch. Biedermann ging auf der Tour  auf die blühenden Pflanzenarten ein und erläuterte die Bedeutung der Bäume und  Windschutzpflanzungen im Talgebiet. In den 1930er- bis 1950er-Jahren wurden in Liechtenstein über eine Million Bäume gepflanzt, das in der Talebene zur Verbesserung des Lokalklimas diente und damit die Bewirtschaftung der Felder verbesserte. Besonders Augenmerk schenkte Biedermann bei der Exkursion den Hecken und Sträuchern. Die Beerenhecken beim Specki- und Scheidgraben haben auch eine wichtige Bedeutung als Nahrungsressource für die Vögel, sowohl für die Einheimischen als auch eine Art „Raststätte“ für Zugvögel.  

 

Noch keine resistenten Eschen

Josef Biedermann musste auch ein trauriges Kapitel ansprechen: „Den Eschen geht es nicht gut.“ Dies war bei den Eschen am Scheidgraben deutlich zu sehen. Eine Pilzkrankheit bringt sie massenweise zum Absterben. Zurzeit werden jene Eschen von den Gemeindeforstbetrieben entfernt, die entlang der Wanderwege und Strassen stehen und Personen gefährden könnten. Die Esche sei nach der Buche die zweitwichtigste Laubbaumart. Und sie sei sowohl aus ökologischer als auch aus wirtschaftlicher Sicht kaum zu ersetzen. «Wir hoffen, dass die fünf bis zehn Prozent resistenten Eschen überleben werden und die natürliche Verbreitung weitergeht», sagte Biedermann. Ausserdem könne auch die Forschung ihren Teil zum Erhalt der Eschen beitragen, beispielsweise mit der Züchtung resistenter Eschen, wie dies in Österreich bereits geschieht.

 

26 heimische Fischarten

Ein Teil der Gruppe staunte nicht schlecht, als Rainer Kühnis den Biberdamm beim Speckigraba auf der Höhe Rietsträssle in seiner Funktion als Gewässerreiniger positiv heraushob. Dank hoher Investitionen in die Abwasserreinigung ist die Wasserqualität grösstenteils kein Problem mehr. Und wenn doch, dann kann ein Damm wie der Biberdamm dank seiner Filterfunktion eine reinigende Wirkung haben. Für einen umfassenden und wirklich erfolgreichen Gewässerschutz müssen aber auch der Lebensraum und die strukturelle Vielfalt wieder hergestellt werden. Über 26 heimische Fischarten sind derzeit in Liechtenstein vertreten. Zwar sind die Binnengewässer gut besiedelt, der Rhein bleibt aber eine Problemzone. In ihm würden sich die Fische aufgrund des Kiesabbaus in Graubünden nicht wohlfühlen, da das Wasser stets sehr trüb ist. Auch die geradlinigen, versteinten Dämme lassen keine naturnahen Lebensraum zu. «Aber auch die Wasserkraftwerke und die damit täglichen verbundenen Wasserspiegelschwankungen machen den Fischen zu schaffen», erklärt Kühnis. Dementsprechend ist der Rhein wenig besiedelt und dient den Fischen einzig als «Wanderautobahn».

 

Elritze im Scheidgraben

Fische haben als wechselwarme Tiere keine eigene Temperaturregelung, sondern ihre Körpertemperatur folgt der des umgebenden Wassers. Damit sind ihre Nahrungsaufnahme, Verdauung, Atmung, Reproduktion und alle anderen Lebensvorgänge in ihrer Geschwindigkeit abhängig von der Wassertemperatur. Der Jahresgang der Temperatur ist deshalb ein entscheidender Faktor für das Vorkommen oder Fehlen der verschiedenen Fischarten in einem Gewässer. Im  Scheidgraben kommt die Elritze häufig vor. Die Elritze ist ein Kleinfisch und gehört zur Familie der Karpfenfische (Cyprinidae). Der Körper ist langgestreckt und nahezu drehrund. Die Fische werden 8 bis 12 cm langr. Der früher massenweise vorkommende Fisch ist heute meist nur noch in geringen Dichten vorhanden und vielerorts verschwunden. In mehreren Gewässern wird die Elritze im Moment durch den Stichling ersetzt, der sich stark ausbreitet. Gute Bestände existieren nur noch in wenigen Gewässern: in der Esche, im Scheidgraben sowie teilweise im Mölibach. Als typischer Schwarmfisch bevorzugt sie sauerstoffreiche Fliessgewässer und Seen.

 

Dohlenkrebse im Element

Beim Mündungsbereich Speckigraba/Scheidgraba hat Rainer Kühnis am Vortrag und mit amtlicher Bewilligung Krebs- und Fischreusen ausgelegt, so dass die Gruppe verschiedene Dohlenkrebse aus nächster Nähe sehen konnte. Die Färbung der Dohlenkrebse ist bräunlich. Die Scheren breit und kräftig. Hinter der Nackenfurche befinden sich zwei bis drei deutlich sichtbare Dornen und nur ein Paar Augenleisten. Er wird bis zu 10 cm lang. Kühnis erläuterte desweiteren alle in Liechtenstein vorkommenden Krebsarten und wies darauf hin, dass alle Krebse im Land streng geschützt sind.

 

Ökologisch aufgewertet

Zur geplanten Revitalisierung des Scheidgrabens war Gutes zu vernehmen.  Der Scheidgraben soll auf einer Länge von 30 Metern aufgeweitet werden. Das Gewässer soll beispielsweise dadurch ökologisch aufgewertet werden, indem das Ufer abgeflacht und der Bach verbreitet wird. Zudem sollen für Fische, Insekten und andere Tierarten Wurzeln, Asthaufen und Steine gelegt werden sowie weitere Arbeiten getätigt werden, die sich auf deren Lebensraum positiv auswirken. Auf Eintiefungen oder Beschwerungen der Böschung mit Steinhaufen soll dagegen verzichtet werden, um die Unterhaltsarbeiten gering zu halten.

 

Exkursion am Samstag, 24. August 2019

Am Schluss der Exkursion dankte Studienleiter Daniel Quaderer den Referenten Rainer und Andrea Kühnis sowie Josef Biedermann und Silvio Hoch für ihre Beiträge zum Gelingen der Führung zum Scheidgraben. Auch die Rückmeldungen der Teilnehmenden waren sehr positiv. Die Wanderung war für alle ein besonderes Erlebnis. Deshalb wird die Exkursion zum 300-jährigen Jubiläum des Landes nochmals ausgeschrieben. Sie findet am Samstag, 24. August 2019 von 9 bis 12 Uhr statt.

 

Rainer Kühnis zeigt dem Teilnehmern der Exkursion ein paarungsbereites Dohlenkrebsweibchen

 

Die Tour führte vom Industriezubringer zum Biberbiotop beim Speckigraben,  zum Riethof der Gemeinde Vaduz und dem Scheidgraben.

 

 

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